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Dienstag, 22. August 2017

Verlorene Schokoriegel und ein Fischzmittag

Oben machte der Bus zehn Minuten Pause.
Hier ass ich: Hotel Sternen, Flüelen.

Den gestrigen Montag hatte ich mir als Zuhausetag gesetzt, nachdem ich am Sonntag im Jura gewesen war, in Courgenay, bei der berühmten Pierre Percée, mehr davon bald. Aber wie es so ist mit solchen Plänen, sie funktionieren nicht immer, ich verspürte jedenfalls DIE UNRUHE - vielleicht hätte Regen geholfen, der macht mich in der Regel sesshaft. Aber da war kein Regen. Also rappelte ich mich gegen acht Uhr vom Sofa auf und startete mit dem Ad-hoc-Plan, mal wieder per Postauto über den Klausen zu fahren. Hier ein paar Schlaglichter meiner ÖV-Tour:

  • Gruppen, ach diese Gruppen! Man denkt, man habe Bus und Zug für sich, weil ja die Ferien nun schweizweit vorüber sind und zudem der Tag verhangen. Doch im Zug nach Linthal war eine Gruppe, und im Bus über den Klausen dann ebenfalls. Die füllten 90 Prozent der Sitze. Man müsste ausrechnen, was solche Gruppen, meist sind es Pensionierte, der Wirtschaft bringen, den Restaurants vor allem. Sie sind ein gewaltiger ökonomischer Faktor. Freilich fühlt man sich als Einzelreisender an den Rand gedrückt.
  • Die Klausenfahrt ist immer wieder gut. Meine Lieblingsmomente und -blicke: Das Kopfsteinpflaster zu Beginn des Passes in Linthal auf der Glarner Seite. Das Dörfli auf dem Urnerboden mit der Fisetengrat-Seilbahn. Die gruselige Strassenpassage nach der Passhöhe, die mit einem Gefahrenschild beginnt; sitzt man links, blickt man hunderte Meter tief in den Abgrund, ein Geländer gibt es nicht. Last not least mag ich den Stäubenfall in besagtem Abgrund. Und, ah ja, das auch noch: das pittoreske Posthaus in Urigen gehört erwähnt.
  • Ein Gesprächsfetzen von der Rückreise im Zug von Flüelen nach Zürich. Drei junge Deutsche, Wanderinnnen. Die eine zu ihren Freundinnen: "Oh Gott, ich bin ja so froh. Ich hab meine Schokoriegel gefunden, ganz unten im Rucksack. Gestern hab ich mich total erschrocken über mich selber. Ich fand die Riegel nicht und dachte, ich hätte sie alle gegessen und würde mich nicht mal dran erinnern."
  • In Flüelen ass ich sehr gut, Fisch. Und zwar im Hotel Sternen, dessen Interieur mir renovierungsbedürftig vorkam in seinem Seventies-oder-so-Design. Flüelen war auch als Ganzes ein wenig trist, die Gruppen rennen alle vom Zug auf den Bus oder zum Schiff und umgekehrt; um in den Ort zu kommen, muss man durch eine Unterführung, das ist wenig einladend und auch nicht auf den ersten Blick ersichtlich. Lag es daran, dass abseits der Schifflände und des Bahnhofs kaum Touristen unterwegs waren?

Montag, 21. August 2017

Totenschrein auf 3000 Metern

Das Foto ist nicht gut, ich weiss. Die Vitrine, Gedenkschrein für einen Toten, steht auf 3000 Metern über Meer auf dem Piz Nair bei Sankt Moritz, zwischen der Bergstation der Seilbahn und dem Gipfel mit der Antenne. Constantine S. Niarchos war eines der Kinder des griechischen Reeders Stavros Niarchos. Der gründete einst die Bergbahnen Corvatsch und Piz Nair, die Familie ist dem Engadiner Nobelort eng verbunden. Constantine, einer der Erben, war ein unglücklicher Milliardär mit einem Suchtproblem. Der Alpinismus faszinierte ihn, 1999 schaffte er es auf den Mount Everest, die Gegenstände im Schrein hatte er damals dabei. Zwei Wochen später war er tot. Kokain, eine gut 25-fache Überdosis. Er wurde 37.

Sonntag, 20. August 2017

Postkartengenerator

Bisse oder, auf Deutsch, Suone, das sind diese Walliser Kanäle, die den Trockenhängen Wasser zuführen. In der Regel sind sie ein paar hundert Jahre alt. Manche führen durch senkrechte Gruselwände und sind der Horror, so etwa die Bisse du Ro. Andere aber sind sanft und lieb und ziehen sich waagrecht dahin. Der Bisse de Clavau in seinem Abschnitt zwischen St-Léonard und Sion ist so ein Komfort-Bisse. Gestern beging ich ihn, was gut zwei Stunden dauerte. Reben, Rhone, Berge und kecke Hügel wie Sions Zwillinge Tourbillon und Valère machten die Strecke zum Augenfest. Alle zwei Meter hätte ich ein Foto machen können - der Weg war ein Postkartengenerator.

Samstag, 19. August 2017

Grün vs. Grau im Waadtland

Unverkennbar ich: Selbstporträt auf dem Videmanette-Gipfel.
Auf der Videmanette, erreichbar per Gondelbahn ab Rougemont, ist man mitten drin: Le Rubli, Gummfluh, Giferspitz, Dent de Ruth, Vanil Noir - Berge rundum, die dem Deutschschweizer aus der Ostschweiz nicht wirklich geläufig sind, reizvolle neue Zacken zum Einprägen. Am Donnerstag machten wir im Videmanette-Gelände eine Rundwanderung, die knapp drei Stunden lang war und bei je 500 Metern auf und ab gar nicht mal so leicht. Wir stiegen ab zu den zwei Seelein von Les Gouilles und weiter ab zur Buvette von Ruble, hielten hinüber nach Pra Cluen und Les Praz, stiegen in der Falllinie schnurgerade auf zum Col de la Videman, erklommen den Grasgipfel La Videmanette und waren kurz darauf wieder bei der Gondel. Sehr empfehlenswert. Was mir bleibt, ist der Kontrast der Farben Grün und Grau als ewige Konfrontation: Alpweiden zum einen und erodierende Berge mit steilen Geröllhalden zum anderen. Ich hoffe, meine Fotos machen Lust auf La Videmanette.
Das untere der beiden Seelein von Les Gouilles. 
Die Gummfluh.
Aufstieg zum Col de la Videman (r.) mit der Pointe de la Videman (Mitte).
Rückblick zum Col (Vordergrund rechts) und der Pointe.
Auf La Videmanette: Rocher Plat (l.) und Le Rubli, dazwischen die Bahnstation.
Und weil es so schön war, noch einmal Grün: La Videmanette.

Freitag, 18. August 2017

Der Berg mit dem Gemüsenamen

Le Rubli aus der Nähe. Der Bergpfad führt zum Klettersteig - und der zum Gipfel.

Le Rubli (rechts) aus dem Zug.
Wenn man von Saanenmöser Richtung Gstaad und Saanen reist, hat man dauernd diesen Zacken vor Augen, wild und hoch. Und man ist dann schon belustigt oder auch irritiert, wenn man vernimmt, dass der Zacken mit seinen immerhin 2285 Metern Höhe "Rüeblihorn" heisst respektive - wir sind an der Sprachgrenze - "Le Rubli". Unheroischer kann ein Berg kaum getauft sein. Vor wenigen Wochen war ich mit ein paar Leuten im Saanenland, und wir fragten uns: Kann man als Wanderer aufs Rüebli, hintenrum vielleicht? Nun, der Wanderer kann nicht; ohne Klettern geht das nicht, ein Klettersteig führt von der Videmanette hinauf. Aber diese Videmanette, die ist bestens erschlossen mit einer schnellen Gondelbahn ab Rougemont und führt praktisch an den Sockel des Rüebli-Gipfelaufbaus. Gestern nahmen wir die Gondel, schauten uns den Berg mit dem Gemüsenamen aus der Nähe an und fanden ihn toll. Le Rubli ist mir entscheidend näher gekommen, ist nun sozusagen ein geschätzter Bekannter. Mehr zu der fantastischen Bergwanderung mittlerer Länge von der Videmanette aus folgt morgen, die Tief- und Weitblicke waren herzerwärmend.
Von der Seite ist das Horn ein Kasten. Links die Videmanette-Terrasse.

Donnerstag, 17. August 2017

Das edle Dutzend

In der Kirche auf Valère, einer Basilica minor.
Der Papst kann nicht nur Kirchenleute befördern, sondern auch Kirchen - indem er ihnen den Titel einer Basilica minor verleiht, einer "Kleineren Basilica". Kirchen, die irgendwie besonders wichtig waren oder sind, zum Beispiel punkto Glaubensverbreitung, können ernannt werden. Weltweit sind es über 1600, die den Titel tragen, 12 davon stehen in der Schweiz. Kürzlich in Sion besichtigten wir eine. Die Kirche auf dem Hügel Valère ist seit 30 Jahren eine Basilica minor. Dies sagt das Schild an der Fassade.
Das Ernennungsschild.

Mittwoch, 16. August 2017

Mein Totenreisli

Der Dolmen von Aesch wird durch ein Geländer geschützt.

Einer der Dolmen von Laufen.
Man darf einen Menschen durchaus als Morbidling bezeichnen, der durch die halbe Schweiz reist, um ein Grab zu besuchen, in dem kein Verwandter oder Bekannter liegt und auch kein Prominenter. So einer bin ich. Gestern fuhr ich nach Aesch BL und suchte dort den Dolmen im Gebiet Chlusböden westlich des Dorfs. Ein Dolmen ist ein prähistorisches Grab, das in der Regel eine ganze Sippe aufnahm, meist ist es gebaut aus Seitensteinen und einer Deckplatte. In Oberbipp und im Laténium bei Neuenburg hatte ich bereits Dolmen gesehen. Nun also der von Aesch. Er stammt wohl aus dem 3. Jahrtausend vor Christus, also aus der Jungsteinzeit, ist rechteckig, 2 1/2 auf 4 Meter, die Deckplatte fehlt, dafür war er sicher von einem Erdhügel bedeckt. Die Reste von 47 Skeletten fand man in ihm und dazu Beigaben für die Toten. - Nach gut anderthalb Stunden war ich wieder unten im Dorf und ganz schön verschwitzt, die Hitze setzte mir zu. Im Zug von Zürich nach Basel hatte ich aber gelesen, dass es in Laufen BL gleich zwei Dolmen des Typs von Aesch gibt. Das wiederum hielt mich davon ab, sofort heimzureisen und kalt zu duschen. Ich begab mich nach Laufen, durchquerte die Altstadt, fand nach dem nördlichen Stadttor linkerhand die Glasabdeckung über den zwei Dolmen - und war gleich wieder berührt. Dass Menschen vor Tausenden von Jahren schon Sorge zu ihren Toten trugen, bringt uns diese Menschen näher.

P.S. In Courgenay JU gäbe es die Pierre Percée, einen besonders markanten, vereinzelten Dolmenstein. Aber den hob ich mir für ein andermal auf. Für das nächste Totenreisli.